• Jürgen schreibt für Michel

Tschechien

"In Tschechien ist alles anders", dachte ich mir. Doch, abgesehen von den sprachlichen Hemm- und Hindernissen, ist eigentlich alles wie vorher. Neues Land - gleiche Herausforderungen.



 

Anmerkung des Autors:

Liebe Blogleserinnen und Blogleser,

entschuldigt bitte, dass es diesmal so lange gedauert hat mit dem Bericht. Irgendwie hatte ich in den letzten Wochen so eine Art "Schreibblockade". Woran das lag, weiß ich auch nicht so genau, aber irgendwie ist mir nix eingefallen und ich habe mich sehr schwer getan, diesen Bericht zu schreiben. Er liest sich deshalb auch ein bisschen holprig, aber ich bin froh, dass er fertig ist. Bitte seht mir das nach. Danke.

Vielleicht lag es daran, dass ich im Urlaub zwei Wochen mit Michel unterwegs war. Da wurde ich vom Aussteigerleben schon ein bisschen angefixt und das Hamsterrad lief dann danach nicht mehr so richtig rund. Herzlichst, Euer Jürgen


 

Ich habe Kerstin und Jürgen am Campingplatz zurückgelassen. Sie mussten beide an diesem Tag wieder zurück nach Hause. Etwas schwermütig gingen Vaillant und ich unserer Wege. Ich wusste, ab jetzt würde ich wirklich auf mich allein gestellt sein. Es wird jetzt nicht mehr so einfach sein, mir zum Beispiel irgendwas nachschicken oder mitbringen zu lassen.

Ich werde einsamer sein. Aber so what! Das wollte ich doch so. Ist es ein Abenteuer oder ein Familienausflug? Es ist ein Abenteuer! Und das beginnt jetzt erst richtig.


Diese Gedanken munterten mich etwas auf, und neugierig auf neue Begegnungen, neue Menschen, neue Orte und Erlebnisse setzte ich meine Wanderung fort.

Heute ging es viel über Straßen. Wanderwege gab es entweder keine oder sie erschienen mir zu mühsam. Ich werde mich wohl daran gewöhnen müssen, dass die Wegeinfrastruktur nicht mehr so toll ist wie in Deutschland.

Ich erreichte einen Campingplatz, wo ich mit meinem Grautier willkommen war. Es regnete bereits in Strömen und da die Aussichten für die nächste Zeit nicht besser waren, checkte ich gleich für zwei Tage ein.

Vaillant war wie immer die Attraktion. Daran hat sich schon mal nichts geändert. Neben einem deutschen Paar, mit dem ich mich gut verstand - er erzählte tolle Geschichten, wo er schon überall war, und möchte auch mal noch gerne in die Mongolei - wurde ich jeden Morgen von einer Familie aus dem Altvatergebirge zum Frühstück eingeladen. Es gab jedes mal Porridge. Das schmeckte mir so gut, dass ich erfragte, wo man sowas bekommen könnte. Die Frau sagte, das kriege man in jedem Supermarkt und zeigte mir die Verpackung, damit ich es auch wiedererkennen würde. Seither frühstücke ich! Jeden Morgen! Porridge in verschiedenen Geschmacksrichtungen, einfach lecker und mit spürbar positivem Einfluss auf die Verdauung!



Kein Käse! - Porridge!
 

Am nächsten Tag ging es wieder auf asphaltierten Straßen weiter. Die Straßen sind zwar klein und es ist wenig Verkehr, doch der Traum von einer Wanderung ist es nicht. Ich hatte mir in der Karte schon den nächsten Campingplatz ausgesucht, den ich zielstrebig ansteuerte.

Es stellte sich heraus, dass das eher eine Jugendfreizeitanlage war denn ein richtiger Campingplatz. Das Gelände war umzäunt und das Tor verschlossen. Man sah aber schon das Leben auf dem Gelände war, verlassen war das nicht.

Am Tor hing ein Zettel mit einer Telefonnummer. Den Text verstand ich nicht, aber die Nummer konnte ich ja mal anrufen. In brüchigem Englisch wurde mir erklärt, dass der Platz wegen Corona für die Laufkundschaft (in meinem Fall, im wahrsten Sinne des Wortes) geschlossen wäre, nur angemeldete Jugendgruppen könnten aufgenommen werden.


OK, ich nahm das so hin. Da ich aber überhaupt keine Lust mehr zum Weiterlaufen hatte, ließ ich mich in unmittelbarer Nähe vom Zaun nieder und baute hier mein Lager auf.

Nach einer Weile kam der Platzwart - der mit dem ich telefoniert hatte. Irgendwie schien er nicht besonders glücklich, dass ich hier campierte, richtig wegjagen wollte er mich aber auch nicht.

Trotz Verständigungsschwierigkeiten entwickelte sich ein längeres Gespräch. Ich erzählte ihm was ich mache und was ich noch so vorhabe. Offenbar beeindruckt von meinen Erzählungen bot er mir schließlich doch noch an, reinzukommen und innerhalb des Zaunes auf dem Gelände zu campen. Am Abend brachte er mir dann noch einen Teller Gulasch und am nächsten Morgen gab es ein deftiges Frühstück mit einer fetten Wurst.

Dieses Erlebnis zeigt eindrücklich, dass die Tschechen einem zwar anfangs skeptisch begegnen, lernt man sich aber etwas kennen, ist die Gastfreundschaft groß.



 

Die nächsten Tage ging es wieder weiter auf - asphaltierten Straßen! Boah, das wird langsam langweilig - und nervig!!!



Dafür war die Landschaft schön. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass ich von meiner ursprünglich geplanten Route abgewichen bin. Ich laufe jetzt ein Stück weiter südlich, raus aus den Mittelgebirgen, mehr ins flachere Land.

Das Ambiente ist entsprechend. Sanfte Hügel, dazwischen immer wieder flachere Abschnitte und im Hintergrund die etwas höheren Berge. Fast wie im Allgäu.

Ich komme deshalb auch gut voran, Vaillant macht auch gut mit und die täglichen Kilometerzahlen sind deshalb auch zufriedenstellend. Ich glaub, wenn es so weiterläuft, könnte ich doch noch mein ersehntes Winterquartier am Schwarzen Meer erreichen. Aber, erstmal abwarten, ich will mir keine unnötigen Hoffnungen machen.


Auch die abgewandelte Route führt immer noch nahe der Deutsch- Tschechischen Grenze entlang. Und so kam es, dass ich die Grenze wieder Richtung Deutschland überquerte.

Der nächste Campingplatz - ihr merkt schon, ich treib mich grad viel auf Campingplätzen rum - war an einen Bauernhof angegliedert. Das war sehr nett und heimelig. Mit Waschmaschine und Trockner war für die große Wäsche alles vorhanden. Ich also meine ganzen dreckigen Sachen in die Waschmaschine gepackt, und das Waschmittelfach mit Rei in der Tube aufgefüllt, was anderes hatte ich nicht.

Irgendwie geht das Handwaschmittel mit der Waschmaschine nicht richtig zusammen und die gesamte Wäsche hat danach nach alten Socken gestunken. Also alles, nicht nur die alten Socken. Dieser Duft begleitete mich noch gut eine Woche und wird mir fürs nächste mal eine Lehre sein.


Natürlich habe ich auch wieder viele nette Menschen kennengelernt:



 

Ich sitze im Restaurant und studiere die in tschechischer Sprache gedruckte Speisekarte. Hm.., ich verstehe gar nichts! Kein Problem, dachte ich mir, mit dem Google- Übersetzer krieg ich das hin. Aber irgendwie wollte das auch nicht so richtig klappen, es scheitert schon an der Eingabe dieser komischen Buchstaben mit Apostrophen, Häkchen oder sonstigen Zeichen drüber.

Ob es eine Karte auf Englisch gibt? Ich verwerfe den Gedanken gleich wieder und frage gar nicht erst nach, schließlich ist das hier kein Touristengebiet, und bis ich das dem Kellner erklärt habe, bin ich wahrscheinlich verhungert.

Das einzige Gericht, das ich zweifelsfrei identifizieren kann, ist "Hamburger". Daneben gibt es auch noch was mit Rindfleisch. Doch was das genau ist - ein Steak, ein Braten oder sonst was - kann ich nicht sagen. Ich gehe auf Nummer Sicher und bestelle also den Hamburger.

Während ich auf mein Essen warte, bekommen die Leute am Nachbartisch ihres bereits serviert. Das sieht richtig lecker aus - ein Rindersteak, saftig und üppig, kross gebraten und herrlich duftend. Als der Kellner das Essen abstellt, sagt er den Namen des Gerichtes dazu, und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen - das ist dieses "irgendwas mit Rindfleisch"!

Verdammt, das hätte ich auch gewollt! Wenn ich das gewusst hätte...! Ich ärgerte mich, blöder Google. Warum hat er mir das nicht ordentlich übersetzt?!?

Schlecht war der Burger auch nicht, aber in Zukunft werde ich etwas probierfreudiger sein...


Am Morgen war ich in Deutschland losgelaufen und jetzt wähnte ich mich schon wieder in Tschechien zurück. Ein sicheres Merkmal, dass ich wieder in Tschechien war, war, dass ich auf Straßen laufen musste...

Als Entschädigung dafür erreichte ich bald einen sehr schönen kleinen See:



Da gab es sogar einen Sandstrand, wie man auf dem Titelbild dieses Berichts erkennen kann. Und weil es gerade so schön war, blieben wir eine Nacht.


Die nächsten Tage ging es munter weiter. Oft übernachtete ich draußen im Zelt. Die Wege wurden angenehmer und die Landschaft blieb weiterhin reizvoll.

Freundlichkeit, Gastfreundschaft und Liebenswürdigkeit sind auch bei den Tschechen vorhanden, doch was ich vermisse, sind diese kleinen Gespräche am Straßenrand. Diese netten kleinen Unterhaltungen, oft mit Humor und Witz geführt, brachten immer Abwechslung in den Wanderalltag und machten immer gute Laune. Das fehlt hier in Tschechien und ist einfach der Sprachbarriere geschuldet. Die Leute trauen sich einfach nicht ran, denken vielleicht, ich möge es nicht, wenn sie meinen Esel streicheln. Das ist ein bisschen schade, ich werde mich aber dran gewöhnen müssen.


Nur eine kleine Sprachbarriere gab es bei dem Schreiner, bei dem ich übernachten durfte. Er sprach ein paar Brocken Deutsch. Es reichte jetzt nicht für eine politische Grundsatzdiskussion, ich konnte mich jedoch ganz gut mit ihm unterhalten. Er lud mich ein, auf dem Grundstück hinter seiner Halle zu campieren. Das war zwar nicht sein Grundstück, sondern öffentlich, aber offenbar hatte niemand was dagegen. Im Gegenteil, die Nachbarn waren hocherfreut und brachten mir Kaffee und Kuchen und eine riesige Zucchini, die die Zucchini damals im Erzgebirge bei weitem in den Schatten stellte.



Dem Schreiner seine Frau reitet und hat Pferde. Sie war mit ihrem Pferd schon mal in der Mongolei. Das war zwar eine geführte Wanderreittour, aber nicht weniger interessant. Da habe ich einige tolle Erzählungen und super Geschichten zu hören bekommen.


Auf meinem weiteren Weg wurde ich von einem professionell arbeitenden Fotokünstler fotografiert.



Ich höre jetzt Kerstin schon sagen: "Auf den Bildern bist du immer am Rauchen!"

Ja, so auch hier. Auch wenn man auf den ersten Blick meinen könnte, ich hätte jetzt einen etwas zu lang geratenen Ziegenbart.

Der Fotograf hat mich später noch einmal kontaktiert und mir erzählt, dass dieses Bild bei der Vernissage seiner Ausstellung, viel Beachtung und große Wertschätzung gefunden hat.


 

Das regnerische Wetter hielt an und so langsam, aber sicher bekam ich meine Sachen nicht mehr richtig trocken. Des Zelt war abends beim Aufbauen noch genauso nass, wie ich es morgens eingepackt habe. Der Schlafsack und die Klamotten waren klamm und feucht und einfach unangenehm zum Reinschlüpfen. So richtig kuschelig war es nicht mehr, und ich brauchte dringend eine Möglichkeit meine Sachen mal wieder ordentlich durchzutrocknen.

Da kam mir ein Campingplatz, der direkt am Weg lag, gerade recht. Mit Vaillant schien es kein Problem zu geben. So buchte ich einen Bungalow (was eher eine Hütte war) und Vaillant durfte unter einem Vordach bleiben. So konnten wir beide uns wieder aufwärmen, was richtig gut tat. Ich blieb zwei Tage.



Nach anfänglichen Hemmungen wurde unser Verhältnis immer entspannter und lockerer. Vaillant war beliebt wie eh und je. Er kennt keine Sprachbarrieren.

Ich frühstückte jeden Tag im campingeigenen Restaurant und aß da auch jeden Tag zu Abend. Als es dann ans Bezahlen ging, stand auf der Rechnung jedoch nur der Bungalow, das ganze Essen war umsonst! Vielen Dank!


Außerdem lernte ich noch Lenka kennen. Die war richtig cool. Lenka ist schon viel rumgekommen auf ihren Reisen, war unter anderem auch schon in China.

Lenka wollte mir auf meinem Handy eine tschechische Wanderapp installieren, die sie für die beste hielt. Na gut, konnte ja nicht schaden und ich ließ sie gewähren. Tss, als ob ich keine Apps hätte?!?

Ich probierte die neue App in den nächsten Tagen dennoch aus und siehe da, das Routing und die Navigation mittels Sprachsteuerung war deutlich besser als das, was ich von meinen Apps gewohnt war. Mittlerweile ist es meine Lieblings- Wanderapp geworden!


 

Mein weiterer Weg führte mich durch Liberec. Dort entstand dieses Bild mit den Security- Typen, die Vaillant einfach zum Schießen fanden:



Mitten in der Stadt machten wir eine Pause an einem Platz, wo ein paar alte Straßenbahnschienen verliefen. Während der ganzen Pause lief Vaillant hin und her, gefühlt hundertmal über die Schienen, völlig ohne Probleme. Eine Stunde später, als wir wieder weiterzogen, kamen wir an einen Bahnübergang. Vaillant wollte nicht drüber und blieb in seiner gewohnten bockigen Haltung stehen.

Mal so, mal so! Vaillant entscheide dich endlich! Sind die Schienen nun schlimm oder nicht?!?



Liberec
 

Nach der großen Stadt kamen wir wieder in ländlichere Gefilde. Die Ruhe war sehr angenehm nach der lauten und hektischen Stadt.

Meine Abneigung gegenüber Städten wird immer größer. Der Lärm und Gestank und das Gewusel der Menschen, die es immer wichtig und eilig haben, nerven mich immer mehr. Im Moment tue ich mir echt schwer mit der Vorstellung in mein altes Leben zurückzukehren. Ich bin mittlerweile so in meiner Rolle als Wanderer, Aussteiger und Eselhirte verhaftet, dass alles andere nicht mehr denkbar erscheint.

Wenn alles gut läuft, ist das eh noch ein Weilchen hin. Aber es könnte ja auch was passieren, so dass ich gezwungen wäre abzubrechen und zurückzukommen. Der Gedanke daran ist echt gruselig.


Wir wanderten in einem Gebiet, das offensichtlich sehr vom Wintersport geprägt ist. Es ging auch wieder mal bergauf, jedoch in einer eher gemächlichen Steigung, die uns beide nicht überforderte.

Als wir an einer Art Hütte vorbeikamen, rief mir eine Frau zu, ich solle mich zum Frühstück zu ihnen setzen. Die Tschechen haben eine sehr deftige Art zu frühstücken, denn es gab wieder mal - Wurst und Bier!

Es stellte sich heraus, dass die Frau zusammen mit ihrer Tochter die Hütte bewirtschafteten und der Mann die Sommerrodelbahn nebenan.



Er lud mich auch ein, eine Fahrt auf der Rodelbahn zu machen...


Juchuhh!

Das war sehr launig. Dieser kleine Zwischenstopp hat mir sehr gut gefallen.


Abends erreichten wir dann einen Pferdehof, den mir Lenka noch empfohlen hatte. Dort wurde ich freundlich und herzlich empfangen und sehr gerne aufgenommen.

Vaillant bekam ein Stück Weide zugewiesen und mir ein Plätzchen, wo ich mein Zelt schön aufbauen konnte.

Die Tochter des Hauses war Tierärztin. Aber nicht irgendeine, sondern eine - Tierärztin ohne Grenzen!

Ja, das gibt's! In dieser Funktion war sie schon in Afrika und Asien unterwegs, auch im Pamir und Tschadschikistan.

Bara, so ihr Name, schaute sich auch gleich mal meinen Esel an und hat alles für in Ordnung befunden. Die kleinen Wehwehchen, die Vaillant hatte, waren alle gut verheilt.



Am nächsten Tag war der Hufschmied da und auch er schaute sich bei Gelegenheit Vaillants Hufe an. Auch hier war alles in Ordnung.


So konnte ich also völlig entspannt mit meinem Esel weiterziehen...









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